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otto braun

Otto Braun als 17-JährigerOtto Braun ist am 27. Juni 1897 als Sohn von Dr. Heinrich Braun und Lily Braun zu Berlin geboren. Wie er erwartet und empfangen wurde, das klingt aus dem Hymnus an den Goldenen Herbst in den Erinnerungen seiner Mutter wieder (Lily Braun, Memoiren einer Sozialistin, II. Band, S 187 ff). Nachdem er seine Kindheit und erste Schulzeit in Berlin verlebt hatte, kam er 1907 in die freie Schulgemeinde Wickersdorf, wo er länger als ein Jahr blieb. Nur kurze Zeit besuchte er nach seiner Heimkehr ein Berliner Gymnasium. Welchen Eindruck seine Begabung schon damals auf Pädagogen machte, [... wird deutlich durch die Eingabe, die sein Lehrer, der Professor Dr. Josef Petzoldt, 1909 an das Preußische Kultusministerium richtete.]

Seine weitere Ausbildung wurde Privatlehrern anvertraut. Im elterlichen Haus und Garten wuchs er in freier Natürlichkeit auf. Reisen und der fast allsommerliche Aufenthalt in einem stillen Bergort förderten seine Entfaltung.

Bei Ausbruch des Krieges meldete sich der kaum Siebzehnjährige und trat im September 1914 ins Heer. Bis zu seiner Verwundung im September 1916 nahm er an allen Kämpfen seiner Truppe im Osten teil. Durch Beschädigung und monatelange Lähmung des Armes am Kriegsdienst verhindert, arbeitete er fast ein Jahr in der Militärstelle des Auswärtigen Amtes. Doch kaum war seine Verwundung geheilt, als es ihn wieder hinaustrieb zur Verteidigung des Vaterlandes. Bei Marcelcave im Nordosten Frankreichs endete am 29. April 1918 ein Granatvolltreffer sein Leben. Er wurde von den Jägern seiner Kompanie auf dem Ehrenfriedhof zu Chuignolles bestattet. Nach dem Kriege soll seine Asche, vereint mit der seiner Mutter, im väterlichen Garten unter alten Eichen ruhen.

Biografische Notiz des Buches "Otto Braun - aus den nachgelassenen Schriften eines Frühvollendeten", Herausgegeben von Julie Vogelstein, Berlin, 1918


Erster Abschnitt
aus Tagebüchern und Briefen des 9- bis 13-Jährigen

Otto Braun mit 12 JahrenVom neunten Lebensjahre bis nahe an die große Wende des kaum Vierzehnjährigen führt das erste Stück des Weges. Wie sich im Kinde schon das Wesen offenbart, wird dem Feinsichtigen beim Lesen dieser Blätter nicht eingehen. Kindlich und kunstlos, rasch hineingeworfen und oft sich übersprudelnd, sind sie reine Äußerungen des Naturhaften und müssen als solche aufgenommen werden. Dann erblickt man Otto Braun in seiner Grundgestalt und folgt mit freudigem Staunen der bildenden, sich selbst meißelnden Hand des Knaben. Alle lebendigen Kräfte wirken vereint, und ein emsiger Arbeits- ja Schaffenstrieb stellt sie in den Dienst der Selbstbeherrschung und Selbstgestaltung. Früh regt sich das Einsamkeitsbedürfnis des dichterischen Gemüts, früh kostet er die Seligkeit des stillen Sichverschenkens. Und in aller Wildheit seiner Kinderjahre erschließt er sich aus eigenem schmerzvollen Erleben die Weisheit vom Segen des Leides.



Zweiter Abschnitt
aus Tagebüchern und Briefen des 14- bis 17-Jährigen

Aus gesteigerter Sehnsucht erblüht dem Heranwachsenden - wir folgen ihm jetzt vom 14. bis zum 17. Lebensjahre - nur noch ernsteres Bemühen, nur noch treuerer Eifer. Zu den unbedingten Forderungen seines "Daimonion" gesellen sich die durch Welt und Zeit bedingten. Sie binden und verpflichten auch im kleinsten Tun. Er aber erkennt in Bestimmung und Begrenzung höchste Freiheit. Bändigung zur reinen Form ist ihm das schlechthin Göttliche.
Von der Vielheit seiner Beschäftigung geben diese Auszüge aus Tagebüchern und Briefen nur ein lückenhaftes, dürftiges Bild. Doch was bedeutet auch der Stoffhunger angesichts dieser Kraft des reinen Anschauens und Sichzueigenmachens? Hatte der Knabe sich in Bildern und Büchern Bekräftigung seines Fühlens gesucht, so überläßt sich der Jüngling den Werken selbstvergessener. Die eigenen Fehler geißelt er rücksichtslos, über sich selbst hält er unerbittlich Gericht, Fremdes aber sucht er in dessen Wesenheit zu verstehen, Fernes wie Nahes unbeirrt zu erfassen.
Und er darf es ohne Furcht vor Kühle und Nüchternheit, denn immer wiedergibt er sich fromm der Natur, immer wieder umtanzt ihn in lieblichem Spiel der Reigen helläugig erschauter Gestalten, immer mächtiger wogt das Meer seiner Empfindungen, und in stiller Andacht belebt sich seine Seele.



Dritter Abschnitt
aus Tagebüchern und Briefen des 17- bis 20-Jährigen

Den Siebzehnjährigen rief der Krieg. Dem Lebendigsten nah und doch dem Leben noch fremd, vertraut mit den Geschicken von Völkern und Heroen, doch unbekannt mit der Welt alltäglicher und gar niedriger Kreaturen, zieht er ins Feld und erprobt in Not und Widrigkeit als echt und fest, was in wohltätiger Stille sich zu reiner Gestalt gebildet hatte. Er vernimmt im unerhörten Schicksal seines Volkes, in der Abwehr des Einen gegen Alle den Rhythmus wortlosen Heldensanges. Im Pulsschlag gewaltigsten Geschehens pocht sein Herz furchtlos und männlich stark. Dichterklänge begleiten ihn in den Kampf; mit Homers Versen und Hölderlins Hymnen erhebt er die Herzen der Gefährten, als sie in schaurig tobender N acht die Leichen der Gefallenen zu bergen suchen. Träume kommender Jahre erfüllen ihn bei allem Grausigen mit erwartungsvollem Glück.
Otto Brauns ElternhausEr blickt dem Tod ins Auge, der ihm die liebsten Kameraden von der Seite reißt. Und nun trifft ihn das Schwerste: die Mutter stirbt. In die dunkelste Tiefe des Schmerzes versinkt er. Doch der Abgrund, der ihn zu verschlingen droht, wird ihm zum Quellgrund gotterfüllter Schau. Er erfühlt das Sein, das Ewige, das mehr ist als alles strömende Leben. Karger werden die Herzensergüsse während seiner Verwundung und seiner amtlichen Tätigkeit. Politische und strategische Studien, Gedanken und Pläne nehmen breiteren Raum ein; er erschließt sich mehr im vertrauten Gespräch mit den Nächsten, seltener im Tagebuch. Ein unbezwingbarer Drang nach Tat beseelt, innige Hingabe durchglüht ihn, nicht länger duldet es ihn daheim, während er die Gefährten in Kampf und Not weiß.
Noch einmal will er sich den Göttern darbieten. Hatten sie ihm mit "der Stunde Hand die Fülle des Ewigen" schon gereicht? Erkannten sie ihn als vollendet? Sie nahmen die köstliche Gabe.



Vierter Abschnitt
Gedichte

Jubelnder Überschwang und sehnsüchtiges Verlangen ringt schon im kleinen Knaben nach Ausdruck, und leidenschaftlich stürmen die Rhythmen seiner Kindergedichte einher. Viele Verse bleiben verworren und wild. Sind sie auch die besten Verräter seiner starken widerstreitenden Triebe, deren Veredlung und Vermählung ihm unabweisbare Pflicht schien, so fehlen sie in dieser ersten Lese doch mit Grund. Statt ihrer beginnen den Kranz der Lieder Gesänge und Gebete vom vierzehnten bis zum Beginne des siebzehnten Lebensjahres aus der götter- und genienerfüllten Welt des erwachenden Jünglings. Schauen, Träumen und Fühlen singt sich erlösend in ihnen aus; die Sprache fugt sich dem Erleben und tut ihm Genüge.
Es kam der Krieg, und kein Gedicht erreicht wieder die Einheit jener Gesänge. Des Ungeheuren wird die Form nicht Herr. "Ein Dichter ist ein König, der gebietet über die Masse; aber wer vermöchte über solche Masse zu gebieten", so schrieb er im ersten Frühling aus dem Felde. Auch die durch Leid und Zeit vereinigten Gefühle gestalten noch nicht ebenmäßige Gebilde, die sie fassen und tragen könnten. Er harrte einer neuen Sprache, als der Tod ihm die Lippen schloß.
Die dramatische Dichtung Eros und Psyche ist ein Werk des Sechzehnjährigen. Das Märchen des Apuleius gab, wie jedem ersichtlich, der Phantasie des jungen Sängers mehr Anreiz zu eigenem Ersinnen als Führung oder Vorbild. Es ist, obwohl Gelegenheitsgedicht, im seligen Rausch der Liebe und des Lebens gesungen. Daß dennoch an Apoll und nicht an Dionysos der Dank des Schlußgebetes erklingt, wer verstünde es nicht, und wer wünschte es anders?





die pdf-dateien enthalten zusammen das buch "otto braun - aus den nachgelassenen schriften eines frühvollendeten". es ist frei verfügbar.
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