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projekteröffnung

am 14. dezember 2002 in der scheune

glenn fischer, benjamin kerschner, fabian w. williges (v.l.n.r.) die presse hat vatermoerder.de bisher noch nicht sonderlich beachtet geschweige denn mit einem ausführlichen artikel bedacht; dennoch kamen über 70 interessierte, um das online-magazin gemeinsam mit den verantwortlichen glenn fischer, benjamin kerschner und fabian w. williges (siehe bild) aus der taufe zu heben.

dem feierlichen glas sekt folgten einige worte des initiators fabian w. williges und des soziologen benjamin kerschner, der die befragung erläuterte. einige gäste ließen es sich nicht nehmen, sofort einen fragebogen auszufüllen.

durch die technische unterstützung des internetcafés le bit war es möglich, die homepage vorzustellen und die einzelnen bereits bestehenden bereiche zu erläutern. nach einer literarischen annäherung an die vaterlose gesellschaft der gegenwart durch fabian w. williges, las der leipziger projektkünstler aus dem roman "fight club" von chuck palahniuk.

im anschluss an die lesung präsentierte vatermoerder.de in kooperation mit der scheune (innerhalb des vereins zur wiedereingliederung psychosozial geschädigter menschen e.v.) den us-amerikanischen spielfilm "fight club" von david fincher (u.a. mit brad pitt, edward norton, helen bonham carter und meat loaf).

während der gesamten veranstaltung gab es viele gelegenheiten des austauschs von meinungen und erfahrungen. man darf gespannt sein, welcher art zukünftige beiträge interessierter sein werden!

fabian w. williges im gespräch fabian w. williges im gespräch


Eine literarische Annäherung

von Fabian W. Williges zur Projekteröffnung


Oidipus

Oidipus ist der leibliche Sohn des Königs von Theben, Laïos. Doch dieser will seinen Sohn töten lassen, weil ein Orakelspruch besagt, Oidipus werde der Mörder seines Vaters. So werden ihm die Füße durchstochen und ein Hirte soll den Knaben aussetzen. Doch dieser zeigt Mitleid und übergibt den Verwundeten, den er Oidipus (zu deutsch Schwellfuß) nennt, einem anderen Hirten, der mit einwandfreiem Standesbewusstsein den Königssohn dem König von Korinth mit Namen Polybos übergibt. Polybos nimmt ihn an Sohnesstatt auf.

Als Prinz von Korinth befragt er das Orakel; und erfährt: Er wird seinen leiblichen Vater erschlagen! Aus Liebe zum vermeintlichen Vater reißt er aus, um nie wieder nach Korinth zurückzukehren. Auf seiner Fahrt begegnet er einem Gefolge, mit dem ein Streit um das Wegerecht entbrennt, der nur mit einem Kampf gelöst werden kann. Oidipus geht als Sieger hervor und hat somit - ohne es zu wissen - seinen leiblichen Vater erschlagen.

Ist es wirklich nur die Liebe zum Ziehvater, jenes hehre Gefühl, das den Helden dieser sophoklesschen Tragödie motiviert? Schon vorher stichelt ein Höfling, er sei nicht von des Königs Blut, und muss auch später bekennen, dass ihn dieses immer wieder stach, da vieles dahinter gewesen sei (3. Akt, 3. Szene). Und hat sich der Mensch, der Schwellfuß heißt, nie gewundert, dass er die Narben der Wunden an den Füßen trägt, die nur den Kindern zugefügt werden, die man der Wildnis überlässt? Können wir uns einen Oidipus vorstellen, der sich auf die Suche nach seinem leiblichen Vater begibt? Der ihn findet verzweifelt über einen Fall von genommener Vorfahrt? Der dem alten Tyrannen einen Gnadentod zuteil werden lässt? Und erst gegen Ende des Stückes nun selbst König von Theben mit den kompletten Zusammenhängen konfrontiert (Hinzu kommt die Schändung der Mutter) Schuldgefühle entwickelt? Doch das sind sehr weit gehende Überlegungen. Für uns bleibt Oidipus heute die tragische Figur, die dem Schicksal nicht entrinnen kann, die schuldlos schuldig wird.

Parzival

Schuldlos schuldig wird auch ein anderer Held, nämlich Parzival, der spätere Gralsritter, Gralskönig. Sohn des edlen Ritters Gachmuret, der in seinem Leben zwei Frauen heiratet und mit beiden jeweils einen Sohn zeugt; im arabisch-afrikanischen Raum den schwarz-weiß gefleckten Feirefiz und in Europa mit Herzeloyde eben ihn: Parzival.

Beide Söhne sehen niemals ihren Vater. Gachmuret verlässt ihre Mütter jeweils vor der Geburt. Als Herzeloyde vom Tod ihres Gatten hört, lebt sie nur noch für das Kind unter ihrem Herzen, sie sagt: nun bin ich ihm Gattin und Mutter zugleich (Buch 2, 109, Zeile 25). Was für eine Last der noch ungeborene Parzival tragen muss!

fabian w. williges liest aus fight club Die Mutter versteckt sich mit ihrem Sohn und einem kleinen Gefolge in einem Wald; niemand darf mit dem Heranwachsenden über das Rittertum reden. Er soll sich nicht denselben Gefahren aussetzen wie sein Vater. Sogar seinen Namen verheimlicht sie ihm; weiß er, nach diesem gefragt, nur zu berichten: meine Mutter nannte mich Guter Sohn, teurer Sohn, schöner Sohn (Buch 3, 140, Zeile 6).

Doch eines Tages ist aus dem naiven unbedarften, unschuldigen Jungen, der in Narrenkleidern durch die Welt zieht, ein Gott Verachtender, selbst am Karfreitag offen Waffen Tragender, mit seinem Schicksal Hadernder geworden. Wann geschieht das? Wie wird Parzival schuldlos schuldig?

- Als er seine Mutter verläss, um ein Ritter am Hofe Artus' zu werden; denn sie stirbt im selben Augenblick an gebrochenem Herzen.
- Als er der verheirateten Jeschute in jugendlichem Überschwang Kuss, Ring und Brosche raubt, was der armen Dame ein jahrelanges Martyrium durch ihren gekränkten Gatten Orilus einbringt.
- Als er den Roten Ritter (König Ither) tötet und seine Rüstung stiehlt (König Ither ist ein Großcousin Parzivals und somit eher geschaffen sein Lehrmeister zu sein als sein Opfer im unritterlichen Kampf mit dem Jagdspieß)
- Und schließlich als er den Gralskönig Anfortas nicht fragt, woran er so offensichtlich leidet, da Parzival eingeschärft wurde, er dürfe keine unnötigen Fragen stellen.

Anfortas ist eine der Schlüsselpersonen des Romans. Er ist - das weiß Parzival bei der ersten Begegnung nicht - sein Onkel, und die Wunde, an der jener leidet, ist auch für die Kinderlosigkeit des Gralskönigs verantwortlich. Es treffen sich also ein König ohne Sohn und ein Prinz ohne Vater, die sich später, nach weiteren Prüfungen als Vater und Sohn annehmen.

Die Frage, welche der Ewige Sohn dieser Vaterfigur stellt, welche Anfortas Erlösung verschafft, welche Parzival den Thron einbringt, lautet: Alter Mann, was ist mit dir? (Eine Frage, die wir auch auf den Lippen desjenigen Oidipus lesen, der aufbrach, seinen leiblichen Vater zu finden) Nachdem Parzival diese entscheidende Frage ausgesprochen hat, ist Anfortas geheilt aber machtlos. Parzival ist jetzt der neue Gralskönig und wir erfahren, dass er mittlerweile selbst Vater zweier Söhne geworden ist. Interessant ist - nebenbei bemerkt -, dass, nachdem eine Frage den Machtwechsel brachte, in Zukunft jede Art von Frage gegenüber einem Gralsritter verboten wird (siehe Lohengrin, Parzivals Sohn).

Doch bevor dies alles geschieht, bevor Parzival eine zweite Chance bekommt, seine Herzensfrage zu stellen, gilt es, neben vielen Prüfungen auch eine ganz besondere zu bestehen. Er zieht sich von der höfischen Gemeinschaft in die Einsamkeit zurück, um mit Feirefiz, seinem - auch diesmal ist Parzival die verwandtschaftliche Beziehung nicht bewusst - Halbbruder, den Kampf zu führen, den er mit seinem Vater hätte führen müssen.

Nur Feirefiz, dieses schwarz-weiße, fantastische, schattenhaftige Wesen wäre in der Lage, Parzival zu besiegen, und gerade das kann nicht passieren, sind doch beide mehr als nur Halbbrüder. Wolfram von Eschenbach spricht davon, dass sie ein und die selbe Person seien. Parzivals Schwert zerbricht im Kampf, den Feirefiz, der übrigens aus Afrika nach Europa kam, um endlich seinen Vater zu treffen, unterbricht, da ihm ein Sieg unter diesen Umständen keinen Ruhm brächte. Es geht nicht um Ruhm. Es geht darum diesen Kampf zu führen. Und ist Parzival vielleicht erst dann würdig, zur Gralsburg zurückzukehren, als er gegen sich selbst gekämpft (und quasi verloren) hat?

Tyler Durden

Im Brennpunkt dieses Kampfes erblicken wir auch die zwei Protagonisten der dritten Geschichte "Fight Club". Der namenlose Ich-Erzähler und seine abgespaltene Persönlichkeit Tyler Durden, die mehr und mehr vom gemeinsamen Körper Besitz ergreift.
Diese beiden kämpfen gegeneinander, nicht, um zu siegen, sondern, um sich zu spüren, um ihre eigenen Grenzen auszuloten, und auch, wie Tyler es explizit sagt, den Kampf zu führen, den sein Vater verweigert hat.

Da beide Hauptpersonen den gleichen Körper bewohnen, sind ihre Lebensläufe ziemlich ähnlich; beide wurden von ihren Vätern verlassen (der Ich-Erzähler sagt, es sei passiert als er 6 Jahre alt war, und dass der Vater dies wohl in einem 5-6-Jahresrhythmus wiederhole, ähnlich der Gründung einer Franchise-Firmenkette. Tyler ist radikaler und gibt an, er habe seinen Vater nie gekannt.)

Tyler gründet den Fight Club, in dem sich eine Generation von Söhnen, großgezogen von der Mutter, ewige Single, private Kämpfe liefern, ohne Wetten auf Sieg, ohne Eintrittsgeld.
Im Parzival steht der griechische Satz: Der junge Löwe wird von seiner Mutter tot geboren und erst durch das Gebrüll des Vaters lebendig (Buch 15, 738, Zeilen 19+20) ein schrecklicher Satz - nicht nur, wenn man über die Rolle der Mutter nachdenkt, sondern auch, wenn man bedenkt, dass er geschrieben steht in einer Geschichte über zwei vaterlose Männer. Vielleicht bedeutet der Satz, dass der Sohn sich einmal mit seinem Vater messen muss, um zu lernen sich zu behaupten. Was passiert, wenn der Vater nicht da ist? Was passiert, wenn er sich bzw. den Kampf verweigert?

Im Fight Club gibt uns Tyler eine Antwort. Zuerst mit den nächtlichen Boxkämpfen, später mit der Gründung einer Terrorgruppe, um, durch die Zerstörung der Kultur, wenn schon nicht geliebt so doch wenigstens bemerkt zu werden, vom Vater, vom Chef, von Gott.

Zusammenfassung

Oidipus schließt die Lücke, die der Vater hinterlässt, mit Schicksalsgläubigkeit, Parzival nach Jahren des Kampfes mit einem gefestigten Vertrauen auf Gott. Tyler kann das nicht. Ihm hat sich das Pauluswort eingebrannt, nach dem die Beziehungen unter den Menschen die Beziehungen zur himmlischen Sphäre widerspiegeln sollen: Dein Vater ist dein Modell für Gott. Und wenn du deinen Vater nie gekannt hast, wenn sich dein Vater aus dem Staub macht oder stirbt oder nie zu Hause ist, was glaubst du dann über Gott?

benjamin kerschner Oidipus und Parzival werden beide bereitwillig von den sonst kinderlosen Herrschern an Sohnesstatt angenommen, sollen die Erbschaft antreten (Oidipus verhindert dies selbstständig). Tyler wird von niemandem angenommen; höchstens von seinem schizophrenen Gegenüber, das ihn erdacht hat.

In der modernen Vaterlosen Gesellschaft ist die klassische Vatersuche obsolet geworden. Die Konfrontation mit dem ausweichenden Vater scheint nicht mehr in unsere Zeit zu passen. Der fehlende Kampf mit dem Vater verhindert aber den Reifungsprozess, macht uns zu 30-jährigen kleinen Jungen, zu alt, um diese Gefühle von Leere und Ablehnung noch loszuwerden, zu jung, um souverän selbst zu entscheiden.

Oidipus' Schicksal hat sich mit der Aufdeckung des Vatermords erfüllt; Parzival wird durch die Frage gegenüber Anfortas vom Sohn zum Vater. Für Tyler gibt es keine solche Lösung, es gibt nur den Ort, den wir für den Himmel oder eine Psychiatrie halten können.





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